Jenseits des Guten und Schönen: Unbequeme Denkmale

Zum Tag des offenen Denkmals haben wir für den Holznagel der Interessengemeinschaft Bauernhaus einen Artikel geschrieben, der im aktuellen Heft 3/2013 abgedruckt ist. Dabei hat es aber nur ein Viertel vom Text ins Heft geschafft, weil zu viele andere Themen auf die 100 Seiten passen mussten – einschließlich einem weiteren Artikel über Mikro-BHKW ;-). Den Holznagel-Artikel kann man hier lesen – hier kommt die Langversion:

 

Jenseits des Guten und Schönen: Unbequeme Denkmale

Das perfekte Motto für die IgB?!

Im Holznagel 2/13 schreibt Bernd Froehlich, dass ihn das Thema zum Tag des offenen Denkmals irritiert, und dass man es im Zweifelsfall ignorieren soll. Bitte nicht! Wir finden es ist das perfekte Motto für die IgB – und hoffen, dass viele IgB’ler ihre Häuser und Baustellen öffnen um das zu beweisen!

Die meisten Besucher am Tag des offenen Denkmals lesen nicht die Erklärung der Deutschen Stiftung Denkmalschutz. Sie denken bei „unbequeme Denkmale“ an Bruchbuden. Häuser die niemand bei Verstand kaufen würde – oder nur um sie wegzureißen und praktische Häuser oder Parkdecks hinzustellen. Sie denken an „böse Denkmalpfleger“ die dem „armen Besitzer“ verbieten eine unbequeme Ruine abzureißen – dabei will der doch das schicke „Landhaus 0815“ mit neusten Dämmstandards bauen (Referenzobjekte für das „regionaltypische Landhaus 0815“ stehen unter anderem im Allgäu, in Ostwestfalen und auf Sylt…).

Viele IgB’ler haben Häuser, bei denen Besucher häufiger „Bagger!“ als „schöööööön!“ gerufen haben. Manche Mitglieder sind noch in der „Reißen Sie es doch besser ab!“ oder „Wollen Sie sich das wirklich antun?!“-Phase. Einige sind ihr ganzes Leben glücklich über ihr „Nie-fertig Haus“. Und wohl alle Holznagel-Leser ziehen knorzige Häuser mit Geschichte und Charakter, Ecken und Kanten und Balken-zum-Kopfanschlagen einem beliebigen Kataloghaus vor.

Warum haben Sie das Haus nicht abgerissen?

Und genau da passt doch das Motto „Unbequeme Denkmale“ perfekt! Dazu passen viele Häuser der Holznagel-Leser. Und wir hoffen dass einige dieser Häuser am Denkmaltag geöffnet werden!

Vor drei Jahren waren wir auch unsicher, ob wir unser „Ruinchen“ öffnen sollten. Es war – und ist – eine Baustelle. Unbequem. Mehrfach vom Bagger bedroht. Damals waren wir erst ein paar Wochen Eigentümer, hatten nur ein paar Aufräumarbeiten angefangen. Unser Haus ist kein Schloss, kein riesiges Anwesen durch das Besucherströme ziehen. Ja, es ist ein Denkmal, steht an einem schönen Platz in einer Fachwerkstadt. Aber öffnet man so eine Baustelle für Besucher? Nachdem die ersten Wochen viele Nachbarn und Touristen vor dem Haus standen und neugierige Fragen stellten, unsere Denkmalpflegerin und unser Architekt die Idee nicht so verrückt fanden – zumindest für jemanden, der eine Ruine für einen Euro kauft – haben wir unser Haus kurzfristig zum Denkmaltag 2010 nachgemeldet.

Die Freiwillige Feuerwehr hilft!

Bei der Anmeldung wird abgefragt was alles geboten wird. Vorträge, Führungen, Konzerte, Kinderbetreuung und so Sachen. Wir hatten doch nichts davon zu bieten, sind keine Animationsprofis oder Sanierungsexperten. Ob da irgendwer kommt?

Und? Uns wurde „die Bude eingerannt“! Wir haben keine Ahnung wie viele Besucher in den drei Jahren da waren, es stand immer irgendjemand im Haus. Unter anderem auch frühere Bewohner, die uns und den Gästen Geschichten erzählten. So stellte sich heraus, dass unsere „schwarze Küche“ nicht durch jahrhundertelanges Kochen ohne Schornstein, sondern wohl von einem zündelnden Lausbuben geschwärzt wurde. Der nun sechzig Jahre später davon berichtete und sehr neugierig darauf ist, was wir aus dem Haus seiner Kindheit machen.

Gut kam bei unseren Besuchern die Präsentation auf unserem Fernseher an, einige Beispiele finden sich hier im Artikel. Es standen immer einige Personen davor, bestaunten alte und neue Fotos, Informationen zu früheren Besuchern – und konnten so auch Ecken unseres Hauses ansehen, die wir bisher für Besucher nicht öffnen können wie unseren Gewölbekeller.

Größerer Kellerforscher...

Sinnvoll auch: Wir haben vor jedem TdoD festgelegt, welche Bereiche wir für die Besucher öffnen können. Bisher war das eigentlich nur der Scheunenteil, da alle anderen Bereiche entweder voll Material standen oder man über etwas wackelige Treppen gehen musste. Wenn Angelika aber gemerkt hat, dass sie mit Fachwerkhaus-Fans oder IgB’lern redet, hat sie spontan komplette Hausführungen gestartet. Allerdings war es für Dirk nicht ganz einfach den normalen Besuchern zu erklären, dass man nur in die Scheune darf – und darüber eine Spezialführung fröhlich über alte Häuser diskutiert und Putzeinsätze zum Einzug verabredet…

Wichtig ist, dass mindestens zwei Personen zum „Besucher-Betüdeln“ eingeplant sind, damit man auch mal Pausen machen kann. Besser ist es aber weitere Helfer wie den Architekten, Freunde und Nachbarskinder einzuspannen, denn man kann kaum abschätzen wie viele Neugierige das Denkmal stürmen. Mal ist bei schlechtem Wetter fast niemand da, aber eine Stunde später sind 30 neugierige Gäste im Haus, weil draußen ein Unwetter tobt und man im Haus trocken steht. Bei schönem Wetter ist noch mehr los, wenn plötzlich Radfahrergruppen im Haus stehen. Und Besucher fragen auch dem geduldigsten Architekten und der zähen Bauherrschaft unendlich viele Löcher in den Bauch. Unsere Nachbarskinder freuten sich darüber ihr Wissen über das ungewöhnliche Bauprojekt und ihre Hilfe preiszugeben – Schornsteinabriss, Lehmsteine-Mauern, Gewölbekeller-Buddelei – und den Besuchern zu zeigen, wie man alte Backsteingefache einreißt und das Fachwerk mit Lehmsteinen neu ausmauert.

Auch unsere improvisierten „Material-Demonstrationen“ kamen gut an. Eigentlich war zuerst nur ein Big Bag mit Lehmputz im Weg. Wir haben einfach noch Lehmsteine, alte Lehmstroh-Mischung und Staken aus herausgebrochenen Gefachen dazu gelegt – und das ganze als Anschauungsobjekte deklariert. Daran konnten wir erklären, wie Fachwerkwände gebaut werden, welches Material unsere Altvorderen verwendet haben. Aber besonders haben wir uns gefreut über das kleine Mädchen, das glücklich mit hübschem Sommerkleidchen bis zu den Ellenbogen im Lehmstaub gepanscht hat. So sehen zukünftige IgB-Mitglieder aus!

Tag des offenen Denkmals 2010

Wer von seinem krummen Haus erzählt, von blauen Flecken (verdammt sind alte Eichenbalken hart!), den alles-andere-als-geraden Wänden, knarrenden Böden… und dann trotzdem dieses Funkeln in den Augen hat: Genau das fasziniert Besucher am Tag des offenen Denkmals. Fachwerkhaus-Begeisterte. IgB-affine. Und auch „Pressemenschen“. Denn das sind – oh Wunder – alles Menschen, die staunend vor so einer „Herausforderung“ stehen. Die fasziniert wie jemand so ein Projekt angeht. Und regelmäßig nachsehen ob es tatsächlich voran geht. Aber auch Mut machen, wenn bei der Sanierung wieder irgendetwas schief läuft: „Wir bewundern was sie hier aufbauen!“ – „Es sollte viel mehr Menschen wie Sie geben!“ – da verdrücken wir eine kleine Träne und kriegen den Rest auch noch irgendwie hin.

Deswegen haben den Besuchern und uns die bisher drei Denkmaltage viel Spaß gemacht – auch ohne Kinderschminken und Kulturprogramm – und wir haben viel neue Kraft geschöpft: Uns motiviert es sehr, dass Nachbarn, Besucher und Touristen jetzt auch sehen, was wir im Ruinchen die ganze Zeit gesehen haben: Unser Perlchen in der Wetterau – alles andere als ein unbequemes Denkmal – und auch dieses Jahr wieder dabei am Tag des offenen Denkmals. Schau‘ doch mal vorbei!

1 comment to Jenseits des Guten und Schönen: Unbequeme Denkmale

  • Tina

    Hey, ihr habt es ja als Beispiel-Denkmal ins Monumente Sonderheft zum TdoD geschafft. Glückwunsch! Da werdet ihr ja Wartemarken ausgeben müssen. 🙂 Wenn alles klappt werde ich es dieses Jahr endlich einmal schaffen, mir das Ex-Ruinchen anzusehen bevor ich dann am Nachmittag meine eigene Baustelle für Besucher öffne. Ich sage dann einmal bis nächste Woche.

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